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Heinrich Schütz: Cantiones sacrae 2
Gächinger Kantorei, Helmuth Rilling
Cantate C21320 Streaming/Download
Wenn die Wahl lateinischer Texte durch den Protestanten Schütz — im übrigen beruht sein geistliches Vokalwerk fast ausschließlich auf Texten der Lutherbibel — als ein Zeichen von überkonfessioneller Haltung angesehen werden kann, dann gilt das vor allem für die „Cantiones sacrae", die überdies einem Katholiken, dem Fürsten Johann Ulrich von Eggenberg, gewidmet sind. Sie haben den Ruhm des Meisters begründet und nehmen, nicht zuletzt wegen der Texte, in seinem Gesamtwerk sowie in der Motettenkomposition der Zeit eine Sonderstellung ein. Diese Texte sind zwar zur Hälfte biblischer Herkunft; doch hat Schütz, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht unmittelbar aus der Vulgata geschöpft. Vielmehr entstammen die vornehmlich den Psalmen entnommenen Bibelstellen, ebenso wie die Andachtsdichtungen mittelalterlicher Kirchenlehrer, welche die andere Hälfte ausmachen und den „Cantiones sacrae" ein so spezifisches Gepräge geben, einem von dem lutherischen Theologen Andreas Musculus zusammengestellten und erstmals 1553 gedruckten Gebetbuch, das in der Auflage von 1599 den folgenden Titel trägt: „Precationes ex veteribus orthodoxis doctoribus ex ecclesiae hymnis et canticis ex psalmis denique Davidis collectae ...". So wie sich in diesem für den interkonfessionellen Gebrauch bestimmten Gebetbuch die protestantische Mystik mit dem Geist der Gegenreformation berührt, so traf Schütz wiederum aus den „Precationes" eine Auswahl, die seinem damaligen Ideal einer undogmatischen und ichbetonten Frömmigkeit entsprach. Aber nicht nur das: Schütz hat die Texte auch, wenn man von dem Lobpreisungspsalm (Nr. 29) und den Tischgebeten des Anhangs absieht, im Hinblick auf ein Zentralthema ausgewählt und die nicht den „Precationes" entnommenen Bibelstellen diesem Zentralthema untergeordnet. Daraus resultiert die erstaunliche Einheitlichkeit der geistig seelischen Haltung und damit die Sonderstellung der „Cantiones sacrae". Aussprache mit Gott in den ichbetonten Psalmen oder Aussprache mit dem leidenden Christus in den Andachtstexten: so etwa ließe sich das Zentralthema umschreiben. Schuldbewußtsein, Reue, Bitte um Gnade und mystische Versenkung in die Leiden Christi sind die Vorstellungsbezirke, die das Zentrum umschließen. Mit welcher ganz persönlichen Einstellung Schütz an seine Aufgabe herangegangen ist, läßt sich daran ermessen, daß er nicht allein an den freien Dichtungen, sondern auch an den Bibeltexten beträchtliche Änderungen vorgenommen hat.
Dies ist die Wiederveröffentlichung einer 1964 bei Musicaphon erschienenen Aufnahme